Sunday, 22. november 2009 7 22 /11 /Nov. /2009 15:42

Erinnerungen

Eine spannende Geschichte über meine Bewacher

 

Neulich war ich wieder bei meinen Freunden auf den Canaren. Einer kannte sehr genau meine Vergangenheit und bat mich, doch mal zu berichten. Sie wussten wie gern ich die lustigen Geschichten mochte, das aber dort die spannenden Sachen nur am Rande erwähnt wurden, wenn überhaupt. Ich wollte nicht in dem schwarzen Schlamm baden wie Hertha Müller, den ich glücklicherweise verlassen durfte. Nun ja, ich war kein Soljenitzin, ich war kein Rudi Dutschke und doch gab ich einem Pastor den Auftrag wenn er in Westberlin sei, möge er doch anonym meiner Tante in Krefeld schreiben. Das ich weg wolle aus der DDR und sie möge doch darüber wachen, das ich nicht in Bautzen oder Waldheim verloren gehe, den damalig größten Gefängnissen für Republik-Flüchtlinge und politische Gegner. Es hatte die spannendste Zeit meines Lebens begonnen.

Während ich ein Jahr zuvor noch meine Verwandten traf ohne mich mit der Ausreise zu outen, ich mochte schon damals nur über Dinge reden, die erfolgreich verlaufen waren, hatte ich sehr schnell die Gelegenheit meine Verwandten vom Rhein zu treffen weil sie zur Beerdigung des Onkels ältestem Bruder gekommen waren. Auf dieser Reise, die aufs flache Land nördlich von Berlin führte, waren sie dabei, meine Bewacher. Während ich noch brauchte um die Begleitung im Zugcoupe, im Mitropa-Restaurant zuzuordnen, formulierte meine Frau flammende Texte, die in jede SED-Zeitung gepasst hätten. Sie versuchte eben auf diese Art mit der ständigen Bedrohung umzugehen. Meine erste Begegnung mit der Wach- und Schließgesellschaft hatte ich ein paar Monate vorher. Meine Anträge, die Republik verlassen zu dürfen, den Anträgen waren intensive Gespräche voraus gegangen, aber auch Studien in Bibliotheken über Republik-Fluchten die geischeitert waren, hatte ich erst zusammen mit meiner Frau, dann aber immer allein abgeben müssen. Immer neu die gleichen Fragen, auf der Suche nach einem Fehler den man wohl mir zu erst unterstellte. Aber ich war in der Sache erfolgreich. Und allein ohne Verwandtschaft an der polnischen Grenze wollte ich mitten in der Woche eine Kirche besuchen, die Bedrohung war nicht beschreib- jedoch fühlbar. Meine eigene Kirche war zu, so das ich auf der Suche nach einer offenen Kirche war. Zwei jüngere Herren in dunkler Kleidung, schwarzer Lederjacke standen in der Nähe meiner Haustür und schauten sich leere Schaufenster an, in denen lediglich eine Wohndecke gespannt war. Nun ihre seltsamen Betrachtungen interessierten mich nicht lange und ich stürmte förmlich an ihnen vorbei zum nächsten Gotteshaus. Wie würde ich auf die Knie fallen müssen, was war mit dem Weihwasser? Na kein Problem, kamen die Herren doch direkt mit mir des Weges. Nur, wo waren sie denn auf einmal geblieben? So, die Herren der Firma durften nicht mit in das Gotteshaus, aha. Ich hatte Glück, es gab eine Stadtjugendmesse mit viel Zuversicht und Music und gut gelaunten Mitgliedern. Da würde ich mich oft blicken lassen, sollte es doch auffallen wenn sie mich einfach wegsperrten. An einem Abend kam meine Frau vom Klavierspiel nach Hause und berichtete von einem Schatten. Es konnte ja nur jemand von der Firma gewesen sein. Am nächsten Abend und von da ab immer, ging ich sie dann abholen von der Turnhalle wo sie spielte für die Frauen-Gymlastik. Und an einem Straßenbahn-Rondell fand ich ihn. Verkleidet in einem Arbeitsanzug, in der Hand eine abgeschrubbte Arbeitstasche und guckte sich alle Umstehenden stechenden Auges an. Nun ich war ja in Verteidigungsmisson unterwegs – ich starrte zurück. Das wollte ich doch mal sehen wer da mehr präsent war. Ob es nun wirklich ein Mitarbeiter der Stasi war, oder nur ein armer Mensch dem es gesundheitlich nicht gut ging, jedenfalls räumte er den Platz. Von der Begleitung meiner Frau ließ ich jedoch nicht ab, schon möglich das sie den enttarnten Agenten aus dem Verkehr zogen. Ein Bewacher weniger.

Dann war es so weit, ich durfte gehen. Sie haben 24 Stunden Zeit, die Republik zu verlassen, stand auf den wichtigen Dokumenten. Doch wo hatte ich sie gelassen? Auch die siebente oder achte Suchaktion brachte die wichtigen Papiere nicht wieder zum Vorschein. Nur Magier wissen, man steht davor und sieht es nicht. Inzwischen musste ich mich überall abmelden, statt mich zu freuen, statt Zuversicht war ich mit den Nerven am Ende. Ohne Papiere würde ich ja bleiben müssen. Na die nächste Suchaktion brachte dann den glücklichen Fund, an gut sichtbarer Stelle, deponiert für einen sauberen Abgang. Um das Land verlassen zu können, gab es zwei Wege. Die Firma wusste aber bereits welches Zugticket ich gebucht hatte und war überall anwesend. Die Bahnsteige waren voll von ihnen, soweit sie mitfahren konnten auch im Zug. In Roßlau und in Magdeburg hatten sie sogar den Interzonenzug angehalten weil unser Zug von der polnischen Grenze Verspätung hatte. Und glücklich kam ich an den Rhein. Da es noch 8 Jahre dauern sollte, bis die Mauer fiel, hörten aber auch die Bewacher nicht auf, mich zu bewachen. Arbeitskollegen meiner Frau erkundigten sich ob sie regelmäßig in die DDR fahre, in der Firma traf ich jemanden, den ich schon mal in Halle Saale getroffen hatte, meine Einlassung, ich sei nicht bei der Fahne gewesen wurde korrigiert und Fahne mit NVA übersetzt und jemand wusste das in meinem Paket in den Osten der Gratiskaffee war, den ich in der Firma bekam. Der Fußballer Lutz Eigendorf starb bei einem mysteriösen Autounfall und ein Arztehepaar aus Erfurt starb weil man ein Umleitungsschild in den Abgrund auf die Straße gestellt hatte, was man nach der Tat ohne jede Spur beseitigen konnte. Und ich hatte auch meinen Autounfall, der da vor mir stehen blieb auf der Überholspur, fuhr einen grünen Benz. Etwa 1986 flog ich nach China und ein junger Mann aus Westberlin begleitete mich. Er gab den Betreuer der 6-köpfigen Reisegruppe und hatte sehr strenge Ansichten. Sportlich durchtrainiert hatte er immer ein offenes Ohr für mein tun. Schnell war er hinter mir her durch die Gassen von Kanton oder Hong Kong und wenn ich mir dann an die Stirn schlug – Oh je das Wörterbuch vergessen, lief ich ihn regelmäßig über den Haufen. Da er sich auch für meine anderen Ausflüge interessierte, erzählte ich ihm blumig von einem Festessen. Die Mitreisenden outeten mich dann, oh wieso sie sind ja gar nicht dabei gewesen – ich hatte ihm die Botschaft übermittelt das er nur dachte das er über mich Bescheid wusste aber ich immer noch eine Möglichkeit fand ihm zu entwischen.

Nach der Wende konnte ich dann meine Akte einsehen beim . Einige Einträge waren geschwärzt, dafür war einiges an Verdacht, zum Beispiel an den alten Pastor, der meine Tante informiert hatte, nicht wahr geworden. Obwohl wir zu Hause eine normale Familie waren, hatte man meine Jungen-Rauferei mit 6 Jahren bereits registriert, an deren Ende ich Richtung tschechische Grenze gelaufen war und das ich nur ein paar Jahre später an Radio Montreal eine Karte geschrieben hatte mit der Bitte um Information über Ausreise und Computer-Jobs war auch bei der Firma hängen geblieben...

 

 

Anmerkungen:

Mitropa – Bahnhofs-Restaurant-Betreiber

SED – Einheitspartei der DDR

Stasi – Geheimdienst der DDR

Firma – Spottnamen für Stasi

NVA – Nationale Volksarmee

 

1.Strophe DDR-Nationalhymne,

2.Zeile:

das es doch zum Guten diene Deutschland einig Vaterland!...

 

von Norberts - veröffentlicht in: Geschichten - Community: Sprechen durch Schreiben
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Sunday, 4. october 2009 7 04 /10 /Okt. /2009 16:22

Mein lieber Goldhamster!


Vielen herzlichen Dank für die guten Gaben, die du mir gesandt hast. Dir, liebe Dickbacke habe ich immer vertraut und du bist auch bis jetzt der Einzige gewesen, der mir blinden Maulwurf geholfen hat.

Man sagt, du bist geizig, man sagt, du wärest ein gieriger Raffer. Du lebst auf dem fetten Kornfeld und wenn es was zu holen gibt, bist du da. Ich weiß das du sammeln musst, wenn du mir ständig etwas abgeben willst. Deine Brüder haben einen besseren Bau, andere haben schnellere Füße als du, weil du abgibts von deinem Reichtum und sie nicht. Ich glaube, das dir das schenken Freude macht, doch ich glaube auch das du einen besseren Bau hättest wenn du deine Zeit nicht mit sammeln für mich vergeuden würdest.

Das sagt man so, dem macht schenken Freude, aber es ist harte Arbeit für dich und ich höre dich schnaufen wenn du die dopplte Last nach Hause trägst. Immer wieder lege ich ein Korn von dir in meine Schaufel, das es so etwas gibt, so großgewaschsen, so glatt, wie es duftet. Ich werde schon von diesem Korn satt sein und noch mehr Hügel auf die Wiese setzen. Die Kühe werden staunen. Ich möchte die Wald- und Wiesen-Ordnung ändern aber der große Vorsitzende im Wald- und Wiesen-Vorstand sagt, das wir mit unserer Wiese dem Kornfeld in der Entwiklung um Jahre vorraus seien und eines Tages auf dem Kornfeld – wie auf unserer Wiese Gras wachsen werde. Auf meinen Gängen ist es naß liebe Dickbacke. Wo ich mich nach der Arbeit ausruhe, ist gestern die Wand eingefallen, das Wasser hat sie weggespült und auch zwei meiner kleinen Kinder hat es dabei erwischt.

Keinen Hügel kann ich momentan auf die Wiese setzen, bevor uns die Kühe wieder auf dem Kopf rumtrampeln sind sie eingefallen. Ich möchte auch einmal im Lehmboden wohnen, es schön warm und trocken haben und so ein seidiges Fells wie deins, mit dir hinter den Wagen hersausen und Körner sammeln, ach ich bin so ungern ein grauer, blinder Maulwurf.

Ja du liebst meine Briefe, schreib blinder Maulwurf schreib, so kam es immer von dir und so habe ich es immer gehalten, habe dir geschrieben, manchmal bestimmt öde Bettelbriefe und jedesmal hast du mich mit köstlichen Körnern bedacht.

Was gibt es neues auf deinem Feld? Bei uns ist eine neue Familie eingezogen, sechs Kleine und die beiden alten Maulwürfe. Auf ihrer Wiese wurde eine Fabrik gebaut, sie wollten nicht weg und blieben. Die Menschen bauten Fakeln bis zu den Vögeln und um die Fakeln herrum war es schön warm, es fror im Winter nie. Das gefiel der Familie sehr; denn stell dir vor, selbst im Winter wuchs dort das Gras und der Boden war zum durchgraben weich. Nur unten, unten drinnen in der Erde, dort wo die Kinder schliefen war es kalt und im großen Frost verloren sie vier. Weil das Gras dort ganz besonders war, gab es auch andere Tiere dort, Bruder Lampe war da, die arme Kirchenmaus und die Küchenratte auch. Ich wollte es gar nicht glauben, aber es musste außer deinem Kornfeld noch andere Plätze geben, wo man reichlich ernten konnte. Da fanden die Maulwürfe Fett, es konnte auch etwas anderes gewesen sein was da aus einer kaputten Leitung der Fabrik in den Boden gesickert war, sie wurden jedenfalls immer weniger. Ich höre dich weinen Dickbacke, sei still, es musste wohl so sein. Warum denkst du nennt man uns die Maulwürfe? Weil außer einem einem großen Maul und vielen Würfen nichts drann ist an uns. Wärest du ein Goldhamster wenn du viele Kinder hättest? Gewiss manche schaffen es, aber oft sind die mit den vielen Kindern besonders arm. Jedenfalls blieben zwei übrig, und wurden unsere neuen Nachbarn.

Ich will dir lieber noch weiter von deinem großen Paket berichten, ich weiß doch das du dich freust wenn alles angekommen ist. Das du auch an alles gedacht hast, Wahnsinn. Ich jedenfalls freue mich immer über die Überraschungen die du für mich rein gelegt hast. Und ich hoffe mir geht es nicht wie dem vierbeinigen Prediger aus der Nachbarschaft, der muss wohl eine besonders gute Quelle haben, die nennt sich Caritas oder so. Jedenfalls hat er immer alles alleine gegessen und zwar soviel bis er krank geworden ist und unser Wald- und Wiesen-Arzt ihm das verboten hat. Jetzt darf er nur noch gesunde Sachen essen und davon auch nur die Hälfte. Ich halte es mit Mamas Spruch: Junge teil es dir ein, es muss ein ganzes Jahr reichen. So habe ich die Lakritz-Schnur in 24 Teile geteilt so das ich jeden Monat zwei Teile davon naschen kann.

Das nebenan die männlichen Mitbewohner alle gestorben sind, habe ich dir geschrieben? Einer bei seiner Arbeit im Krankenhaus, alles guckt auf den Mensch auf der Trage aber seinen Herzinfakt beachtet niemand, sein Großvater an Altersschwäche und der Schwager der in deiner Nähe wohnt, der Stadt mit der Regatta-Strecke und dem großen Güterbahnhof. Na wie ich dich kenne wirst du da auch Körner und Blumen hinschicken.

So, ich muß meinen Brief jetzt beenden, ist ja nicht mehr lange bis zu dem großen Fest und dann werde ich schon schreiben was da wieder alles im Paket war und ob deine alte Freundin die Frau Herzog noch lebt.

Ganz liebe Grüße von allen die du hier kennst

Dein Maulwurf


Norbert Hoffmann aus 1977

Nachruf an alle Care-Pakete-Sender und die vielen West-Ost-Pakete

 

von Norberts - veröffentlicht in: Geschichten - Community: Lebensalltag
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Wednesday, 30. september 2009 3 30 /09 /Sept. /2009 21:31

Canada oneway Ratingen 19.07.1987


Gegen vier Uhr morgens wachte er auf, verließ seinen Camper und wusch sich im Bach. Danach joggte er durch den Wald rund um den Platz auf dem sie mit dem Campingbus die Nacht verbracht hatten. An seinen Unterschenkel hatte er ein Fangmesser geschnallt, die Schultern schützten eine Trainingsjacke. Auf eine kurze Hose wollte er jedoch nicht verzichten, was kurios aussah und Mücken und Moskitos geradezu einlud. Im ersten Jahr hatte er noch jede Menge Stiche kassiert, aber jetzt waren seine Beine braun, hart, durchtrainiert, das schien die Tiere abzuhalten.

Er war jetzt das vierte Jahr hier in Canada und besaß immer noch seinen alten Pass aus Europa. Im Campingbus schlief seine Ex-Frau und seine Tochter. Im Grunde war es immer noch „seine Frau“, sie hatten sich schließlich getrennt als er zum Arbeiten nach Canada gegangen war. Sie dachte wohl, so schneller wieder jemanden zu finden, jedoch kannte er ihren Job in einer engen, miefigen Kammer, einem Werksbüro irgendwo in einer kleinen Stadt in Europa. Da verlief sich niemand hin, da kam keiner mit dem sie hätte etwas anfangen können. Dann war sie allein nach einem ganzen Tag Arbeit, sie mochte ruhig Überstunden machen da blieb weder Zeit noch Kraft um abends auf den Markt zu gehen. Und im Hintergrund die gemeinsame Tochter, da musste sie schon aufpassen, wen sie mit heim brachte.

Auf eine Anzeige nach Canada zu kommen hatte er sich gemeldet, Spezialisten für Auslandsaufenthalt gesucht. Mehr aus Spaß hatte er geschrieben und promt Antwort erhalten. Am Jahresende, er hatte gerade noch Weihnachten zu Hause verbringen dürfen, stand er auf dem Flughafen Frankfurt. Toronto 14:55 Uhr stand auf der Anzeigetafel, das Taxi brachte Frau und Tochter wieder nach Hause und nach ein paar Stunden Flug betrat er canadischen Boden. Die Euphorie, die man später in diversen TV-Sendungen zum Thema zu sehen bekam, die fehlte. Irgendwie war es für ihn ganz anders diesmal, er hatte das Gefühl an der Reisekrankheit zu leiden oder plötzlich Seekrank geworden zu sein. Als Tourist nach China, Ungarn, Chile oder Korea, oder abseits der großen Flugrouten mit einem kleinen Schulterdecker über den Urwald zu fliegen, das machte ihm nichts aus. Diese Abenteuer waren lange geplant, gut organisiert und nicht von langer Dauer. Aber dieses Abenteuer sollte länger dauern, womöglich sein Alltag werden, sein normales Leben. Mit ihm waren canadische Gis ausgestiegen die von ihren Angehörigen mit lautem Hallo empfangen wurden. Indianer saßen auf dem Boden, boten Glasperlenketten und andere handwerkliche Dinge an. Einen Vertreter seiner neuen Company konnte er nicht erblicken, wo sollte er auch suchen, in diesen Airport hätte der Marktplatz von daheim dreimal rein gepasst. Mit seiner Checkkarte telefonierte er mit der Company, man sagte ihm, Mister Cook sei auf dem Airport seinetwegen. Suchen also zwecklos, er nahm ein Taxi. Den Fahrer verstand er nicht, der sprach Dialekt und er selbst nur Touristen-Englisch plus dem Business-Kurs kurz vor Abreise. Unterwegs musste er seine Vorstellungen vom freien Leben revidieren. Es war Winter wie zu Hause, aber hier war es richtig grimmig kalt. Die Stadt bot genau so einen trostlosen Anblick wie seine Heimatstadt, dunkel und grau, die Straßenlaternen hatten einen schweren Stand in dem dichten Schneetreiben. Für ihn wurde die Heizung in seinem neuen Zuhause zum Lieblingsplatz. So schnell wollte er nun doch nicht in Blockhütte oder Wohnwagen hausen, auch wenn das hier durchaus üblich war und von Gastarbeitern wie er einer war oft praktiziert wurde. Das Taxi fuhr ihn zu seiner neuen Firma und er bezahlte mit der Checkkarte. Er hatte den Eindruck, nur Numismatiker kennen in diesem Land Bargeld, alle anderen wissen nicht mal wie half und quater-Cent aussehen. Was hier die Brieftaschen füllte, waren die enorm vielen Plastikkarten, die für alles Rabatt und Bonus-Punkte versprachen. In der Firma wurde er freundlich empfangen, es musste die halbe Company sein, die ihm da freundlich zunickte. Man sprach sogar deutsch, inzwischen war auch Mr.Cook vom Airport zurück. Die Arbeitsräume entsprachen internationalem Standard, seine Arbeit würde von ihm keine großen Umstellungen verlangen. Überall war es hell und freundlich, das konnte auch am Schnee liegen, der draußen vor den Fenstern lag. Man wollte wissen ob er mit der Bezahlung einverstanden sei, aber wenn sie nicht gut zahlen würde, hätte er ja nicht den Flieger genommen. Dann wurden ihm die Damen des Hauses vorgestellt, eine recht muntere Truppe jeglicher Ethnie, aber es war keine dabei in die er sich hätte vergaffen können, die Arbeit in der Fabrik machte aus den Damen nicht automatisch Moddels. Bei den Kollegen, die auch irgendwann aus Deutschland gekommen waren, war ein bärtiger Ostfriese dabei, den er ganz sympathisch fand, Mit dem mal reden, ausfragen wollte er ihn, es gab doch noch so viele offene Fragen. Um wieder in sein Quartier kommen zu können, musste er erneut ein Taxi bestellen. Hier lief alles auf und über die Straße, selbst im Winter unter der Gefahr bis zum Dach einzuschneien. So schnell wie möglich wollte er sich so einen großen amerikanischen Schlitten zu legen, Taxi kostete hier nicht viel, aber er hatte immer das Gefühl betrogen worden zu sein. An einem Kiosk kaufte er sich einen Stadtplan um sich die Lage der Straßen einzuprägen. Wo sich sein Quartier befand, hatte er sich schnell merken können, ein Hochhaus in Form eines Kühlturms war in seiner Nähe. Bis zum Frühjahr wollte er mit dem Auto jedoch warten, denn fahren war in dem hohen Schnee echt Arbeit.

Die nächsten Wochen gingen schon ganz in der neuen Arbeit auf. Er hatte einen Iren gefunden, der in dem selben Unternehmen arbeitete und ihn immer mitnahm. Nachtschicht brauchten sie hier nicht zu machen. Auf seine Frage lachten sie und meinten, hier würden nur gewisse Damen in der Stadt Nachtschicht machen müssen. Er war darüber sehr froh, denn der Frost wurde nachts noch stärker.

Als der Winter vorbei war, hatte er sich gut eingearbeitet. Auch das Auto vor seiner Tür gehorchte auf sein Kommando, etwas anderes machte ihm Probleme, das war der Frühling und das er hier war ohne Frau. Die Telefongesellschaft verdiente sich mit ihm eine goldene Nase, denn er telefonierte oft nach Hause. Noch gab es kein Public-Internet oder ein Programm wo man schreiben, reden und sich sehen konnte. Sie stellte ihm Fragen nach seinem Sexleben, machte anzügliche Bemerkungen so das er sich schwor, seine Telefonitis zu bekämpfen und sich seine viele Energie für die Weite der Natur aufzuheben. Es wurde warm draußen und er konnte Rad fahren, joggen oder einfach lange spazieren gehen. Er glaubte er habe ein Ventil gefunden, jedoch nach einem halben Jahr hatte er ein Verhältnis mit einem asiatischen Mädchen. Sie war mit ihren Eltern aus Korea gekommen. Ihre Familie hatte einen kleinen Laden, der Vater betrieb eine Tofurei. Sie war in seinem Alter, also kein Mädchen mehr und sie lernten beide Englisch. Wenn er dann in der Küche stand und das kochte was er unter chinesischer Küche verstand, war er für sie ein nicht enden-wollender Grund sich zu amüsieren. Wenn sie zusammen ins Bett gingen konnte draußen Winter sein oder nicht, sie hatten es dabei vergessen. Verborgene Kräfte wurden frei, er hasste Begriffe wie Treue oder Zölibat, er hatte seinen Trieb einfach ignoriert, aber bei ihr brach es aus ihm wieder hervor. Wie konnte er nur so ein Tier sein, dieses animalische Prinzip ließ sich nur begrenzt ausklammern, manchmal dachte er, er brauche es einfach nur zu vergessen aber es kam immer wieder wie Blitz und Donner. Er verstieg sich sogar in Frauenhaß, alle Frauen dieser Welt, doch sie zeigte ihm das er doch nicht ein so großer Frauenhasser war. Am liebsten waren sie draußen, vergnügten sich auf einer Decke im Freien, denn ob Hotel oder Wohnung, die Häuser waren hier alle sehr hellhörig.

Einmal lud er den Ostfriesen zu sich ein und staunte, als der vor seiner Tür stand. Er brachte eine Hong-Kong-Chinesin mit, sie hatten also den gleichen Geschmack. Die Frauen verstanden sich prima und so konnten die Männer ungestört über die Arbeit plaudern. Er hatte sich Notizen gemacht und konnte endlich dringende Fragen stellen. Die Unsicherheit machte ihm oft zu schaffen, da war es doch gut sich mal in der Muttersprache schlau zu machen. Dann besprachen sie die Finanzen. Hier gab es viele Dinge zu beachten, schön wenn man vorher wusste worauf es ankam. Er hatte den Eindruck das man hier noch viel mehr verdienen konnte, wenn man nur wollte. Vielleicht musste man die Firma wechseln, der Vertrag lief ja nur auf drei Jahre. Bei diesen Treffen wurde es meist spät und er und sein Mädchen hassten hinterher die verqualmten Zimmer, die Batterien leerer Flaschen die sie nur für den Besuch gekauft hatten und jetzt überall auf dem Boden lagen. Warum nicht mal intellektuell, mit wirklich guter Musik, guten Gesprächen und Häppchen, eventuell einen leckeren Cocktail dazu. Da konnte man wohl genau so wenig machen wie gegen den geschmacklosen, aber allgegenwärtigen Fastfood.

Im Sommer des zweiten Jahres kam seine Tochter herüber. Sie war begeistert allein fliegen zu dürfen. Von der großen Stadt wollte sie nichts wissen, sie hatte eben ihre eigene Vorstellung von Canada. Er nahm frei, sie mieteten einen Pickup, ein Boot und ein Blockhaus. Er zeigte ihr was er draußen im Wald gelernt hatte, sie angelten Lachse und nach einem Tag auf Pferden hatte beide müde Knochen. Er hatte fast vergessen das noch in der Stadt sein koreanisches Mädchen wartete, so sehr nahm ihn der Besuch seiner Tochter in Beschlag. Natürlich war er stolz seiner Tochter sein Wissen um outback und Wildnis zeigen zu können und ihr diesen Urlaub zu ermöglichen. Das er das Mädchen hatte, bekam sie sofort mit, dafür hatte sie ein Näschen. Im nächsten Jahr wollte sie mit ihrer Mutter herüber kommen.

Die Zwischenzeit verging mit Arbeit. Der Winter kam, es ließ sich kehren und Schnee schippen, jedoch das es Winter war, war nicht zu verleugnen. Hier war man für ein paar Monate gefangen, der Luxus von Wärme und Licht musste bezahlt werden. Mit seinen Finanzen kam er ganz gut zurecht, dann kam der Sommer, aber sie kamen nicht, so hatte er den Sommer für sich und seine neue Liebe.

In seiner freien Zeit fuhr er mit seinem Auto nach Amerika, flog mit seinen Kollegen nach Mexiko und schrieb von dort Karten nach Hause vom Betriebsausflug. Dann flog er mit seiner neuen Liebe nach Korea.

Seine Aufzeichnungen aus der Zeit hat er nie ganz geschafft aufzuarbeiten. Das war einfach zu viel. Hatte er früher als Tourist nur die Prachtstraßen gesehen, konnte er mit dem Mädchen sechs Wochen in einer Sippe leben, deren Tagesablauf so geregelt war, als ob der Computer ein Butterfaß und das Büro im Haus der Ahnentempel sei. Vieles hatte sich unbewusst in den Familien erhalten, was offiziell schon längst als alter Hut verschrien war. Geduldig wurde ihm übersetzt, oft hatten sie aber auch nur ein Lächeln für ihn, es war wie überall, man ließ sich nicht gern in die Karten gucken. Daran änderte auch sein Mädchen nichts.

In diesem Jahr nun war seine Tochter wiedergekommen. Sie hatte seine Exfrau mitgebracht. Er machte sich Sorgen um sein koreanisches Mädchen, während er mit ihnen durch die Wälder fuhr. Er hatte ihr alles erzählt, bevor er seine Ex-Frau und die Tochter vom Flughafen abholte. Sie blieb hart wie Stein, völlig versteinert aber immer noch lieb lächelnd. Er stellte sich vor die Rollen wären vertauscht und er hätte seiner Ex-Frau vom Besuch ihrer Vorgängerin erzählt. Ein paar Schläge, Tritte, bei der konnte er nie wissen was kam, urplötzlich wie der Ausbruch des Vesuv. Was sollte er machen? Seine Ex am Airport stehen lassen und nur mit der Tochter herum fahren? Nächstes Jahr würde er den canadischen Pass bekommen und vielleicht für immer hier bleiben. Seine Tochter hatte ausgeschlafen, kam aus dem Campingbus und wusch sich nackt an dem Bach wo er sich auch vorhin gewaschen hatte. Obwohl ihn das Bild faszinierte, drehte er sich weg, sie war verdammt erwachsen geworden. Hatte es bei ihr in der Schule nicht so geklappt wie er sich das vorgestellt hatte, bekam sie doch einen Superabschluß am Ende und brauchte sich für ihren Weg ins Business keine Sorgen zu machen. Nach seinem Weggang hatte seine Ex-Frau besonders viel in die Ausbildung der Tochter investiert und er fragte sich, warum sich die Beiden vorher zu Hause nur so hinter seinem Rücken versteckt hatten. Alles war auf ihn abgewälzt worden, die Damen waren mit der Zeit unheimlich unselbstständig geworden, jedenfalls so lange er noch zu Hause war. Seine Tochter hatte sich inzwischen einen Trainingsanzug übergezogen und wollte ihn unbedingt mit zum joggen nehmen. Er hatte heute schon seinen Weg hinter sich, aber sie hatte eine unnachahmliche Art um etwas zu bitten. Manchmal bekam er Angst davor, besonders als er noch für sie verantwortlich war. Auf der anderen Seite kannte sie ihren Paps genau, mochte er auch aussehen wie ein schlafendes Häschen, wenn man ihn zu sehr bedrängte konnte er sich ziemlich energisch Luft verschaffen. Bald war der Urlaub zu Ende, eine Extra-Runde mit ihr zu laufen konnte er durchaus verkraften. Unaufhörlich redete sie dabei auf ihn ein. Im Gegensatz dazu die Schönheit der Natur, der herrliche Weg, der sich im zick-zack durch den Wald schlängelte. Er fand ihr Gerede abstoßend, er mochte es nicht länger mit anhören müssen. Vielleicht war es auch nur der Geruch der Klein-Kinder-Kacke, die ihm da in die Nase kroch. Sie blieben stehen um zu verschnaufen. Plötzlich elektrisierte ihn etwas, ja es wurde aufregend und interessant. Sie hatte seine Ex-Frau verkuppelt, ja man konnte sagen das sie bald wieder unter der Haube war. Wie das seine Tochter geschafft hatte, den Zahnarzt für ihre Mutter zu interessieren, war ihm ein Rätsel. Er fing an wütend zu werden. Er musste sich eingestehen, das er neidisch war. Ein paar hundert Dollar schickte er ihr jeden Monat nach Haus, musste er auch, Unterhalt oder so was und sie kaufte sich ne neue Aussteuer für diesen Heini vom Zahnlabor. Er hatte auf ein mal das Gefühl, daß sie womöglich die ganze Zeit an seiner Seite nur gewartet.. aber es wollte ja seine Tochter gewesen sein die da vermittelt hatte. So viel hatte er davon erfahren aber was genaues wusste er immer noch nicht.

Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf von der Heimat, die er eigentlich nie hatte, waren es doch alles nur Orte wo er einige Jahre geblieben war. Dann zog er meist wieder weiter, meist wegen der Arbeit. Seine Ex-Frau war in der Nähe eines Flughafens hängen geblieben, wahrscheinlich reichte es ihr für ihr Fernweh. Sie wählten ihre Wohnungen mal größer, dann wieder kleiner und bescheidener, je nach Einkommen. Seine Möbel waren dabei auf der Strecke geblieben. Nur die wichtigsten Bücher hatte er nach Canada nachkommen lassen. Durch die Umzieherei gingen viele Dinge verloren und er hatte auf einmal das Gefühl schon sehr viel verloren zu haben.

Es war das letzte Mal das er seine Ex-Frau zu sehen bekam. Sie rief mal aus Californien an, als sie mit ihrem neuen Schatz zum Surfen dort war und die Tochter kam nur noch allein, wenn sie dazu noch Zeit hatte. Vielleicht hatte sie auch einen Freund, die Briefe kamen nicht mehr so oft. Das Mädchen aus Korea heiratete einen Koreaner, er bekam seinen canadischen Pass und heiratete schließlich drei Jahre später eine blonde Polin.

 

von Norberts - veröffentlicht in: Reisen - Community: Sprechen durch Schreiben
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Tuesday, 22. september 2009 2 22 /09 /Sept. /2009 19:44

Der Stift

Neulich war der elektrische Strom ausgefallen und so kam ich nicht ins Internet. Während ich am Schreibtisch saß und halb weg dämmerte weil es so lange dauerte mit dem Strom, begannen meine Stifte im Pott zu reden. So recht klappte das gar nicht, viele Chinesen waren darunter, aber auch der 4-Farben aus Teneriffa, das Holzgewehr mit Kulimine aus Warschau und der 12 Zoll-Plastik-Nagel der verspricht: „Wir machen Nägel mit Köpfen SPD“ und der dann doch nur zum schreiben taugt. Sheepworld_only4me glänzte mit dickem Gummi für die armen Fingerchen und der Holländer versprach VVV forward thinking. Die Batterie-Firma mochte wohl ein feminines Image aufbauen wollen in pink und durchsichtig, während sich aus dem DB-Schreiber der Fahrplan nach Amsterdam von 2001 ausziehen ließ. Die bunten Muster auf dem Stift aus Australien erinnerten eher an ägyptische Inschriften bis man den Eintrag Made in China entdeckte. Auf einmal wurde es still. Gedenkminute für die vielen Stifte die sich jemand ausgeborgt aber nie wieder gegeben hatte, Stifte, die ein Bürger wissentlich gestohlen hatte mit vielem anderen Dingen zusammen, auch für die, die irgendwann kaputt gegangen waren. Nein, der James Bond Schreiber zum töten war nicht darunter, eine Winchester jedoch mit der man schreiben konnte. Und das unvergessene Set von Pelikan, dessen Chrom nicht immun war gegen meinen Handschweiß, jedoch das Problem Füllfederhalter ein für alle mal gelöst hatte. Grün muckte auf, gute Qualitätsarbeit der mit jeder Tinte schrieb solange sie grün war. Da lag der Neuling in vollem Lack, d.h. Mattschwarz, voll moderner Technik, eine Tinte die nicht verwischt. Und dieser fabelhafte Blaue der auch auf CDs schreiben kann, am liebsten schreibt er aber auf Kreditkarten. Ein Bild der Freude in Lack-Schwarz mit jeder Menge Chrom und sich doch als Werbegeschenk outend. Na ein paar alte Herren hatte ich von etwa 200 No-Name befreit, die die Sprechstundenhilfen endlich von Kratz und Klecks befreiten. Diese alten Stifte kamen noch in Gold-Braun daher und versprachen: „Endlich die richtigen Socken, Weissbach-Socken“. Und die KKH gab über einer Miene ein ganzes Nähsortiment mit und die Info 1890 in Halle/Saale gegründet. Immer wieder blitze es, ich hatte die Stifte mit dem Licht eh im Verdacht die Batterien leer zu machen ohne das ich das kontrollieren konnte. Ein hübscher Stift versprach die Schreibmaschine Olympia zu sein, wenn nicht vorn die Miene rausgeschaut hätte, ich hätte es geglaubt. Einem Dicken in Lila hatte man die Botschaft Facility Network Technology mitgegeben, warscheinlich musste man es dran schreiben damit die Kunden das glaubten. Neben dem obligatorischen Edding fuhr einmal ein Schiff an der Loreley vorbei und dann am Parlament in Budapest in einem anderen Stift, beliebt auch die Stifte wo die Badesachen Kahn fuhren. Zwei drei Füllfederhalter machten auch Konversation, trockener Humor mangels Nutzung. Ein dicker Stift versprach einen neuen Job über Monster.de, ein anderer „Es gibt immer was zu tun“ dank Hagebau. Der von brunel empfahl sich als Projektpartner für Technik und Management, während bic soft feel wohl so wegzuwerfen war wie bic Feuerzeuge. Bleistift-Fallstifte aller Altersklassen tummelten sich neben dem Senior von Rotring, während die Bildschirm-Tipp-Stifte von der neuen Zeit kündeten. Und die neuen Gelstifte pfiffen schon aus dem letzten Loch, Made in Japan, goldig zum rumklecksen aber schneller leer als ne Graffity-Dose. Das war also der Fortschritt, nach 10 Seiten brauchte man einen neuen Stift? Was gabs doch damals für ein Geschrei wegen Parker, aber mit der Großraummine kam man auch 300 Seiten weit. Gut, die Cross-Minen waren auch schon dünn und ohne Saft und in Lamy ging nur Lamy, aber gegen den Verbrauch der Gel-Lobby war das komfortabel. Ich hörte mir noch eine Weile das Rauschen der vielen Stifte an, probierte den wiederbelebten Rotring und den Kuli mit Marker der vorgab von IBM zu sein. Heute hatte das Problem des Schreibgerätes eine andere Dimension aber ich wollte noch mal feiern gehen. Und so kam es das ich noch mal einkaufen ging in diesen Tempel. Mahagoni-Holz, Messing-Lampen. Und mitten drin die Objekte der Begierde, alles was Rang und Namen hat, von 150 Euro an aufwärts. Nein, kein Shop für Sportwagen, kein Shop für nobles Jachtzubehör, nein, ein Schreibwaren-Laden. Ich hatte mein Paradis gefunden.

von Norberts - veröffentlicht in: Geschichten - Community: Lebensalltag
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Tuesday, 22. september 2009 2 22 /09 /Sept. /2009 18:41

Du sollst nicht töten

Ein Steckling auf meiner Blumenbank verlangt nach Erde und einen Topf zum einpflanzen. Also gehe ich los in einen Baumarkt und suche mir einen Blumentopf. Das häßlichste Töpflein soll es sein, will ich doch zu Hause sofort die Pflanze rausreißen und den Steckling einpflanzen. Ein Usambara-Veilchen hat es erwischt, wirklich unscheinbar für 95 Cent. Die drei halbtrockenen Blüten scheinen auch demnächst auszufallen. So einem Todeskandidaten die Henkersmahlzeit geben, noch mal wässern und dann killen? Der Kampf beginnt, denn kaum hat das Veilchen den Baumarkt voller giftiger Gase verlassen, stört es sich nicht mal auf dem Tisch zu stehen wo ich es doch schon bald vernichten werde und treibt aus. Schnell sind aus den 3 trockenen Blüten 6 neue geworden. Mein Steckling nervt und so fasse ich mir ein Herz und reiße mal kräftig an den dicken, fetten Blättern des Veilchens. Nein, das geht nicht, was für ein Gematsche. Was soll ich nur tun? So Blümchen vom Schrott blühen doch nur einmal oder? Also muß der Steckling warten, was er mir mit einer dicken Wurzel dankt. Und dann ist es doch vorbei mit dem Veilchen, normal schon aber nicht mit meinem. Selbst das Spargelwasser was ich mit einem fiesen Hintergedanken zum gießen nehme scheint mehr zu nützen als zu schaden. Die zweite Blütenwelle rollt, also Mutters Alpenveilchen im Zigarettenrauch lebte so lange nicht und blühen tats auch nur als es aus dem Laden kam. Dann kommt Blütenwelle drei und jetzt ist der Steckling echt sauer. Wenn ich den jetzt nicht einpflanze ist der hin. Also Topf und Blumenerde gekauft, ihn eingepflanzt und die vierte Blütenwelle bewundert. Und was macht der Steckling? Der denkt wohl ich stehe auf so was und stirbt langsam aber sicher vor sich hin. Ich greife mal tief in die Trickkiste, beschrifte die Blumenwasser-Flasche mit langes Leben, Bewunderung, Gesundheit, wohlhabend und geliebt, da treibt der Unkrautsamen in dem Stecklingstopf als sei er genmanipuliert. Drei Wochen lässt mich der Steckling jeden Tag nach dem rechten sehen, ehe er angekommen ist und wächst wie es sich gehört. Mein Usambara-Veilchen hat gerade Blütenwelle fünf und sechs hinter sich, ist unzählige male fotografiert worden und und mahnt alle die es nötig haben: Du sollst nicht töten!

von Norberts - veröffentlicht in: Geschichten - Community: Lebensalltag
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